Aktenzeichen Wien X - Chronik einer Schweinerei

Im folgenden Blogbeitrag soll sichs um einen Vorfall drehen, der im Liveticker und auch im Spielbericht nicht behandelt wurde. Es ist auch deshalb ein Blogeintrag, weil der Anspruch auf Objektivität zwar grundsätzlich gewahrt bleiben, jedoch nicht das Rückgrat dieses Artikels bilden soll. Dafür ist mir diese Angelegenheit zu sehr ein Anliegen und dementsprechend kann und möchte ich die Emotionalität nicht im Zaum halten. Eines jedoch vorweg: Jegliche im Beitrag genannten Zahlen sind keine „Hausnummern“ oder ungefähre, auf-/abgerundete Angaben, sondern ernst gemeinte Schätzungen, die ich mehrfach angestellt und überdacht habe, um so wenig wie möglich unterstellen zu müssen.

Ein Vorwort darf es hier dennoch noch sein: Bevor ich ins Detail gehe, möchte ich festhalten, dass ich hier kein Austria-Bashing im Schilde führe, noch den violetten Anhang pauschal als Chaoten verstehe oder auch Ordner und Exekutive per se überflüssig finde. Ich bin im Gegenteil, irgendwie sowas wie ein Sympathisant der Austria. Das hat damit zu tun, dass ich als LASK Fan in den letzten Jahren lässige, torreiche Heimspiele gegen die Violetten bestaunen dürfte und auch dass wir von violettem Personal profitiert haben (Daxbacher, Saurer oder auch Ivo Vastic). Zudem halte ich nette Kontakte mit Austria-Fans und auch die eine oder andere Partie am Verteilerkreis, selbst ohne LASK Beteiligung lasse ich mir nicht entgehen. Nun aber wird’s für mich schwierig, denn in dieser Sache trägt meiner Auffassung nach die Austria als Verein die Hauptschuld.

Was ist passiert? Man glaubt es kaum, aber: Der LASK hat wieder einmal ein Auswärtsspiel in souveräner Manier gewonnen. Gegen die von Ivo Vastic trainierten Jungveilchen feierten die Athletiker einen lässigen 0:5 Auswärtssieg (Spielbericht folgt an anderer Stelle). Selbst bei dieser fanunfreundlichen Ansetzung an einem Dienstag Frühabend fanden sich maximal 60 LASKler in Wien Favoriten ein. Die Stimmung war gut, es war familiär und die anwesenden Fans eigentlich bunt gemischt. Eine Handvoll Organisierte, ein paar in Wien wohnende Sympathisanten und auch Frauen und Jugendliche besuchten die Generaliarena. Auch im Austria Fanlager war wenig Organisiertes dabei. Rund 200 Interessierte, die ab und an ein Liedchen anstimmten und ihre Mannschaft beklatschten. Ein munterer Herbstkick? Weit gefehlt: Als das Spiel abgepfiffen wurde und die LASKler ihren Sektor verließen, blieben ein paar wenige etwas länger im Stadion um noch ihre Zaunfetzen abzumontieren und einzupacken.

Als diese rund fünf bis zehn Minuten nach Abpfiff das Stadion verließen, kamen ihnen bereits die ersten LASK-Anhänger wieder entgegen. Austrianer sollen am Weg sein, nicht sonderlich pazifistisch gestimmt. Also wieder rein auf diesen kleinen Stadionvorplatz zwischen Einlasskontrolle und Stadiontreppe, fesch eingezäunt und mit einer Handvoll Ordnern gesäumt. Diese wenigen, rund 15 Austria-Chaoten, schienen sich davon jedoch nicht beirren zu lassen. Zwei Personen kletterten an der Seite über den Zaun, der Rest versuchte sich gewaltsam mit Tritten gegen das Tor Eintritt zu verschaffen. Es sollte ihnen auch gelingen. Ob das Tor überhaupt richtig verschlossen war, kann ich nicht sagen. Spielt auch keine Rolle. Als die ersten Chaoten diese Barriere überwandten, nahmen die etwa zehn verbliebenen LASKler großteils Reiß aus und liefen zurück ins Stadion. Einer meinte, es genüge, hinter den zahlreichen Ordnern stehen zu bleiben. Ein Annahme, die aufgrund ihrer Falschheit in einem Krankenhausbesuch samt Röntgen enden sollte. Die Ordner in rosa nahmen die Beine in die Hand und ein paar Chaoten konnten auf LASK-Fans einprügeln. Der ganze Spuk dauerte keine Minute und die Austrianer waren verschwunden. Ordner umringten frisch versammelt den am Boden liegenden LASK-Fan und sorgten für das Anrücken der Sanis. Die Polizei brauchte noch ein klein wenig.

Das lag jetzt weniger an der Attitüde oder Positionierung der Beamten, sondern schlicht und ergreifend an der nominellen Präsenz. Sie waren viel zu wenige und – jetzt wird’s prekär – am Gästesektor nach Spielende nicht vorhanden. Kein einziger(!) Exekutivbeamte war nach Abpfiff im oder um den Auswärtssektor. Um das nochmals zu veranschaulichen: Ich persönlich saß auf der Pressetribüne und verließ pünktlich mit Schlusspfiff selbige um mich mit meinen Freunden am Auswärtssektor zu treffen. Die Süd war an diesem Tag bis auf den Pressebereich gesperrt. Das bedeutet, ich musste am Stadionvorplatz der Süd weiter am VIP Parkplatz zur Ost und dort konnte ich erst die Umzäunung verlassen. Die Ost war an diesem Spieltag auch nicht zugänglich. So tat sich relativ wenig. Kein einziger Polizist war zu sehen (vor dem Spiel – ich kam auch von dieser Seite – waren es immerhin sechs Polizeibeamte). Wer das Horr kennt, weiß, dass man, um von der Ost über zur West zu kommen, man über den schmalen Gang entlang der Südtribüne gehen kann. Gedacht, getan, kam ich mit dem Zählen auf weitere zwei mal zwei Beamte des szenekundigen Dienstes (wie sich diese Damen und Herren so gerne nennen). Am Eck zwischen Süd und West angekommen blickte ich nach links auf den Verteilerkreis, wo ich keine Menschenseele ausmachen konnte. Ich ging also nach rechts Richtung West und sah: Keinen einzigen Polizeibeamten! Wir zählen mal durch: In einem Pflichtspiel des österreichischen Pokalbewerbes zwischen einem Zweit- und Drittligisten, die beide nicht gerade für ihren unproblematischen Anhang bekannt sind, sind für jemanden, der drei von vier Seiten des Stadions entlang geht zehn Polizisten zu sehen.

Nach gut 150 Metern war dann die Umzäunung des Gästesektors zu sehen. Der war bereits wieder abgeriegelt. Auf Wunsch wurde ich eingelassen und sah meinen verletzten Freund immer noch am Boden liegen. Als ein Ordner nach der Polizei gefragt wurde, gab dieser zur Antwort: Die ist schon heimgegangen. Ob das stimmt oder nicht, sei dahingestellt. Alleine, dass ein Ordner in dieser ernsten Situation nicht mit einer seriösen Auskunft dienen kann, ist skandalös. Die Polizei kam dann doch noch zum Gästeblock. Weitere vier Beamte habe ich gezählt. Ein paar Minuten später kam ein weiterer, der erzählte, er habe drei der Chaoten festhalten können. Ob nun zehn, zwanzig oder dreißig Polizisten vor Ort waren ist so wichtig auch nicht, denn es zählt u.a. vor allem die Präsenz am Gästesektor. Man muss den anreisenden Fans, die sichere Abreise vom Stadion ermöglichen. Es darf in Zeiten von Stadionlizenzen und Sicherheitsauflagen einfach nicht sein, dass ein gutes Dutzend Chaoten mir nichts dir nichts, eine Absperrung zu einem gegnerischen Sektor überwinden kann, ohne auch nur von einem Exekutivbeamten gestellt zu werden.

Meines Wissens nach erhält ein Verein im ÖFB-Cup ein Startgeld. Klar: Das soll Anreiz bieten und auch das jährliche rhetorische Rumgeier, das Standing des Cups soll verbessert werden, finanziell ein klein wenig untermauern. Doch was ich heute Abend in Wien Favoriten sah, ist keine Werbung für den Pokal (schon mal zuschauertechnisch), sondern ein Einsacken und Sparen am falschen Ende. Ich mache es nicht an den –unzureichend- geschulten Ordnern fest, noch an dieser Handvoll Chaoten, die leider jeder größere Verein, auch der LASK ist hier kein Unschuldslamm, als Blinddarm mitschleppt, sondern am Verein FK Austria Wien, der es, trotz des Wissens um seinen teils problematischen Anhang nicht für nötig erachtete, ausreichend Sicherheitspersonal zur Verfügung zu stellen. Außerdem: Die erste Garnitur der Violetten spielt erst morgen. Dass die vereinsinternen Problemkinder somit am Spieltag in der Hauptstadt sein werden, werden die Verantwortlichen ja gewusst haben. Ich bin fürchterlich verärgert um diese Schweinerei und auch enttäuscht von einem Verein, der sich gerne als Aushängeschild des österreichischen Klubfußballs positionieren möchte. Besagter verletzter Fan hatte Glück. Das Röntgen im Krankenhaus gab schlussendlich Entwarnung. Er kommt mit dem Schrecken und einem Brummschädel davon. Leider habe ich die Befürchtung, selbiges trifft auf den Klub am Verteilerkreis zu.

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